Hinter den Kulissen

In der Royal School of Needlework

Ribbonembroidery2

Das Schöne nach Urlauben sind die Erinnerungen. An diesem Samstagskaffee, der zurzeit ein Samstagstee sein muss, zehre ich ganz besonders von den Eindrücken, die ich bei der Royal School of Needlework gewinnen konnte.

teeundstich

Zwei Kurse habe ich in den Räumen der Stick-Schule belegt, die in dem großartigen Hampton Court Palace – nahe London – untergebracht ist.

Hamptoncourt

Es war ein fast surreales Gefühl mit lauter englischen Damen (deren Männer teilweise beim “Shooting” waren, während die Ehefrauen stickten) durch den dunklen Küchentrakt in die hochherrschaftlichen Gänge und von dort aus eine Hintertreppe hoch zur Schule geführt zu werden. Passenderweise ist diese im ehemaligen Ausstellungstrakt der Suffragetten untergebracht. (Wieder einmal staunte ich über das Museumskonzept der Engländer, das unserem so viel voraus hat, dazu habe ich mich ja gerade im Bereich Mode und Geschichte näher ausgelassen…)

The best thing after travelling is to induldge oneself in memories. I’m still thinking of my time in the Royal School of Needlework in Hampton Court Palace near London. I booked to classes of stitching: “Introduction to Stumpwork” – a kind of 3-D-embroidery – and “Introduction to Ribbon Embroidery”. In both classes I learned fascinating techniques (which I did not master so far) and widened my horizon of handiwork. And I truly enjoyed my stay in the great atmosphere of the palace.

sufragetten

Auch die Atmosphäre in der Schule selbst war ausgesprochen anregend. Ich träumte davon, mich jeden Tag in dieser Umgebung meiner kreativen Ader hingeben zu können…

Stickraumroyalschool

Der erste Kurs hieß “Introduction to Stumpwork“. Stumpwork ist eine Art 3-D-Stickerei, bei der seperat gefertigte Teile auf den Stoff gestickt werden. Weil das, was ich in diesem Kurs vor mich hinwerkelte, nicht besonders hübsch geworden ist, zeige ich stattdessen ein Beispiel von Stumpwork aus dem Victoria & Albert Museum in London. (Mensch darf in britischen Museen fotografieren!!!!!)

This example of Stumpwork isn’t mine of course. I took photos of embroidery in the Victoria & Albert Museum in London. Isn’t it amazing that one can take pictures in british museum? Not being used to this in Germany.

Stumpwork1

Ich finde diese Art von Stickerei ausgesprochen spannend (wenn auch kompliziert), weil sie ungeahnte Möglichkeiten der Bearbeitung von Textilien bietet. Leider sind moderne Beispiele in meinen Augen oft unglaublich kitschig.

Einen hervorgehobenen Effekt bietet auch die “Ribbon Embroidery” also Schleifchen-Stickerei, in die ich am nächsten Tag Einblick erhielt.

Ribbonembroidery

Auch hier fasziniert mich die Technik. (Doch auch hier sind Beispiele an Kitschigkeit oft nicht zu überbieten. Und das sage ich, die ich immer mal wieder zu Kitsch tendiere. Aber bitte zu schrägem Kitsch.) Gerade mit der Bändchenstickerei lassen sich auf Kleidungsstücken oder Taschen rasch Effekte erzielen.

Den Tee nahm ich in der Royal School übrigens im hässlichsten Pausenraum der Welt ein. Verblüffend. Und DAS im Land der Teetrinkerinnen und in der Schule, die an Details liebevoll herumwerkelt, und in dem schönen Palast… (Aber es war nicht so schlimm, da ich mit einem Magen-Darm-Infekt anreiste und sowieso keine leckeren Scones und keinen Victoria Sponge und keine Sandwichs essen konnte, tragisch!)

Because I couldn’t enjoy the classic british afternoon tea ( I suffered from a gastro-intestinal diseas) I’m still dreaming of Victoria Sponge at home.

Hamptongardens

Egal. Nichts hält mich davon ab, zu Hause meinem Tee stilgerecht zu frönen und mich dabei Stickträumen hinzugeben.

Es lebe der Eskapismus! – Ab jetzt soll’s gefälligst öfter mal Einhörner in meinem Leben geben!

Einhorn

35 Comments

  1. mehr Einhörner für alle!! bin ganz deiner Meinung und voller Neid über deinen Ausflug! Sticken – in meinen Träumen sticke ich – irgendwann auch wieder im echten Leben. Hab ein schönes Wochenende und gute Besserung!! Herzliche Grüße
    Denise

    • Mila says

      Ich habe gerade eine sehr entspannende Form des Stickens für mich entdeckt: Das Stick-Doodlen ohne große Ansprüche (sprich eine Form zur Ur-Kreativität zu finden)… Dir auch ein schönes Wochenende…

  2. Oh, vielen Dank für diese Einblicke. Das hört sich alles sehr spannend an. Kitsch kann ja mitunter ganz schön sein, aber wenn es dann doch zu viel ist, ist es manchmal den Weg dorthin nicht wert… Aber manchmal reicht der Weg zum Gefallen ja aus, insofern: Hab Spaß an deinen Ideen und Umsetzungen und ich schaue gerne wieder vorbei und lass mich mit inspirieren.
    LG. Susanne

    • Mila says

      Ich danke dir, Spaß habe ich ich auf jeden Fall. Ich musste nur erst den “Anspruch” loswerden, dann läuft das Sticken eigentlich von selbst…

  3. Oh, Mila, ich bin fasziniert von deinen Schilderungen und Bildern. Das hört sich so inspirierend an: britische Ladies, Stickutensilien, herrschaftliches Gebäude, Kitsch! Genieß stilvoll deinen Tee, liebe Grüße, Ulli

    • Mila says

      Die Engländer haben uns mit ihrem Tee doch einiges an Stil vorraus! Allein ein Satz wie “Fancy a cuppa?!”

  4. Ehrfürchtig staunend betrachte Deine wunderschönen Fotos. Von wegen Kitsch!! Mila, ich liebe es!! Alleine die Stickrahmen und die zarten Tassen.. so traumhaft schön!! Sticken in dieser Kulisse gemeinsam mit birtischen Ladies.. ich kann es kaum glauben!! Herrlich!! Ganz herzliche Grüße, Nicole (die sich gerade erstmal erholen muss – Schnappatmung!!)

    • Mila says

      Ich leiste mir jedes Jahr so einen kleinen eskapistischen Ausflug nur für mich – ohne Anhang. Das tut unheimlich gut. Kann ich nur empfehlen…

  5. Was für eine Umgebung für so einen Kurz – sehr cool! Und irgendwie habe ich gerade schrecklich klischeehafte Vorstellungen von den anderen Kursteilnehmerinnen. 😉

    Ich finde es oft schwierig, mir eine unkitschige Umsetzung für alte Techniken vorzustellen – vermutlich der Grund, warum ich davon in der Regel die Finger lasse, obwohl ich sie faszinierend finde und weiß, dass man erst einmal diese Grundlagen braucht, um dann freier arbeiten zu können. Umso gespannter bin ich darauf, was du mit dem neu erworbenen Wissen demnächst anstellst. :)

    (Der grün bespannte Stickrahmen sieht ja gut aus – auch ein sehr klassisches Muster, oder?)

    • Mila says

      Der Stoff, auf dem ich gerade sticke, hat ein klassisches Muster maschinenmäßig aufgestickt, das ich gerade nach “frei Schnauze” übersticke. Es macht GROSSEN Spaß!
      Und ja, Klischee war das auf jeden Fall, wobei ich ehrlich gesagt enttäuscht gewesen wäre, wenn es nicht solche Teilnehmerinnen gegeben hätte.

      • Ah! Das klingt wirklich nach großem Spaß! :)

        Und ja, zum Schloss und zu Großbritannien gehören auch ein paar Klischees. 😀

  6. Stickend in der Royal School in London. Na das klingt vielleicht!
    (und den Pausenraum überlese ich einfach).
    Deine Bilder sind toll, ich wusste noch nicht mal, dass man so sticken kann.
    Einfach klasse.
    Schönes Wochenende und herzliche Grüße
    Jutta

    • Mila says

      Dir auch ein wunderschönes Wochenende. Den Sonntag habe ich heute allerdings nicht filigran stickend verbracht – sondern mit Schaufel in der Hand und Erde an den Fingern.

  7. Na das tönt ja sehr interessant. Da könnte ich mich auch “verstecken”. lg Regula

    • Mila says

      Verstecken würde ich mich in den Gemäuern auch gerne mal. Angeblich gibt es dort auch Geister. Also alles komplett britisch…

  8. Wow…was für ein toller Ort für einen Kurs! Sticken, Nähen, Stricken…ist alles nichts für mich, auch wenn ich dir gern über die Schultern schaue…;-). Aber beim Teetrinken…da stehe ich dir bestimmt in nichts nach…LG Lotta.

    • Mila says

      Dann genießen wir jetzt einfach einen leckeren Cuppa, Lotta!

  9. Was für schöne Stickereien. Ich liebe ja Nadeln, allerdings derer 2 um zu stricken.
    Das muss ja sehr spannend gewesen sein in den alten Gemäuern unterwegs zu sein.
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Mila says

      Es war wirklich spannend. Vor allem weil die Engländer im Küchentrakt des Palastes einfach jeden Tag ein echtes Feuer im Herd anzünden. Und echte Kräuter zum Riechen auf die Arbeitsplatten legen. Zudem laufen Menschen in Kostümen der Zeit Heinrichs des Achten herum. Unglaublich toll.

  10. Ich bin ganz verzaubert von der Vorstellung eines Stickkurses in einem englischen Schloß. Die modernen Details blende ich einfach mal aus ;o) Was für ein toller Ort für Kreativität!
    In Bezug auf die anderen Damen hab ich gerade so eine frühe-Agatha-Christie-Bücher-Vorstellung.
    Jetzt geh ich mal mein Einhorn striegeln.
    Liebe Grüße
    Jennifer

    • Mila says

      Die Damen waren wirklich witzig – wobei ich die Teilnehmerinnen der Tassel-Making-Classe noch schräger fand. (Die haben dort Troddeln gefertigt…)

  11. Dass da lauter schräge Individuen beieinander waren, kann ich mir vorstellen. ( Ich habe vor über 40 Jahren ein Vierteljahr meine Freizeit in einer Autowerkstatt für Frickler & Bastler an Minis = Auto verbracht. Da habe ich einiges fürs Leben gelernt. )
    Beim Thema Sticken denke ich nun nicht zuallererst an Engländerinnen, deshalb hat mich deine Wahl überrascht ( du scheinst mir aber auf jeden Fall sehr viel anglophiler zu sein als ich ). Ich habe da eher den slawischen Raum im Kopf, oder Skandinavien. Und die Niederländerinnen möchte ich auch nicht vergessen.
    Bin jetzt gespannt, was du da doodelnd zauberst…
    LG
    Astrid

    • Mila says

      Dass du mal an Autos rumgebastelt hast, liebe Astrid, das ist ja mal ein ganz neuer Aspekt. Zumindest für mich. Wie praktisch solche Erfahrungen sind!
      Besondere Vorreiter des heutigen Stickens – im ästhetischen Sinne – sind für mich die Japanerinnen. Die greifen auch viele skandinavische und osteuropäische Stile auf und modernisieren sie in einer Weise, die mir sehr gefällt…

  12. Ah ja, da ist er ja der Bericht der Stickkurse!
    Sehr interessant!!
    Bei Kitsch kommt es für mich übrigens immer auf den Kontext an, damit steht und fällt mein Empfinden von cool oder eben dann doch zu kitschig :-)
    Ich bin auch gespannt, was Du noch so zu diesem Thema für Dich entwickelst und werkelst!
    Liebe Grüße von Kerstin, die übrigens in den letzten Jahren in deutschen Museen fotografieren durfte, wenn auch ohne Blitz (es gibt viele “Beweise” davon auf meinem Blog)
    Einfach das nächste Mal am Eingang fragen :-)

    • Mila says

      Okay, das werde ich machen. Vielleicht war ich auch immer zu brav im vorauseilendem Gehorsam…
      Und beim Sticken hast du mich schon inspiriert: Ich habe mir ein Buch von einer Stickerin, Autorin zugelegt, die du jüngst empfohlen hast…

  13. Wow!!! Wie cool!!!!!!!!! Das ist ja so interessant! Ich sticke selbst zwar nie, aber ich kann mich trotzdem total begeistern. Meinetwegen darfst du noch mehr so interessante Sachen aus deinem “Nähkästchen” erzählen! Danke dir für die kleine Reise…
    Schöne Grüße zu dir… Michaela :-)

    • Mila says

      Ach, wer weiß, sag mal nie nie, Michaela. Und leider kann ich solche Reisen nicht ständig unternehmen, aber bestimmt irgendwann wieder. Ganz sicher sogar.

  14. ich möchte bitte auch ein einhorn in den garten!!
    wie herrlich, mit englischen ladies in diesem schönen raum zu werkeln! und auch, dass man in britischen museen fotografieren darf, das wird ja hier immer schwieriger oder man muss noch dafür bezahlen.
    diese 3D stickerei gefällt mir ausgesprochen gut – auch wenn ich stickereimäßig schul-versaut bin.
    liebe grüße, mano

    • Mila says

      Ich hatte zum Glück nur mal kurz Kreuzstiche in der Grundschule, das war harmlos, deshalb bin ich für die Stickerei nicht versaut worden. Überhaupt war das textile Arbeiten nur absolut bruchstückhaft im Unterricht vorhanden. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass da einiges verleidet wurde…

  15. Das hört sich ja total interessant an (vor allem für mein Stickrahmenprojekt auch eine super gute Idee). Zumindest inspirierst du mich mit den Bildern. In der Schule haben wir mal zum Thema Kitsch eine Reihe gestaltet und die Überschrift lautete: Kitsch ist, wenn man sich schämt, dass man es doch mag. So muss jeder selbst überlegen, wie oder was Kitsch ist …. Hach ich würde ja zu gerne auch deinen Stickrahmen sehen und angefangene Projekte stapeln sich bei mir auch (leider habe ich die Angewohnheit die letzte Naht meiner Taschen innen nicht zuzunähen), denn da könnte ich doch besser in dieser Zeit …. ;-). Liebe Grüße Karin

    • Mila says

      Lauter offene Taschen – auch nicht schlecht. Der Stickrahmen wird am Samstag gezeigt!
      Die Definition von Kitsch, die du gelernt hast, gefällt mir übrigens sehr…

  16. Ah, daher die Stumpwork-Frage 😉
    So ein Kurs an der RSN, ich beneide dich. Vielleicht sollte ich das beim nächsten London-Besuch mal dazwischenschieben.
    Und die Pausenräume in England scheinen alle gleich unschön zu sein. Ich war mal in einem der National Trust Häuser im Pausenraum, der war auch einer Teetasse nicht würdig.
    Umso besser, dass du jetzt (hoffentlich) wieder gesund in schöner Umgebung Tee und Scones frönen und deine neu erlernten Techniken anwenden kannst, bin auf deine zukünftigen Projekte gespannt.
    Da frag ich mich doch glatt, ob ich noch genug Eier für einen Bisquit hier hätte. So ein Victoria Sponge am Sonntag Nachmittag wär doch was feines… :-)
    lg ette

    • Mila says

      Es gab in diesem schrecklichen Pausenraum nicht mal Tassen – nur Plastikbecher, man stelle sich vor. Was für ein Frevel. Aber es scheint ein britischer Effekt zu sein, wenn du das auch kennst. Seltsam. Seltsam.
      Jetzt muss ich auch einen Sponge backen, du hast mich hungrig gemacht…

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