Vintage Inspirations

Was hat das Kostüm mit Politik zu tun?

Utilityjacket

Im Rahmen des aktuellen Lieblings-Serien-und-Filme-Sew-Alongs habe ich mich entschieden, mir ein Kostüm im 40er Jahre-“All Creatures Great & Small” (“Der Doktor und das liebe Vieh”)-Stil zu nähen. Mit einer eleganten Jacke von Butterick. Frau Zuckerrübchen wies mich in einem Kommentar netterweise darauf hin, dass sie sich das Kostüm dem ländlichen Setting der Serie gemäß besser mit Knöpfen und eventuell einem Schößchen vorstellen könnte. Und das brachte mich auf die Idee, mir ein 40er Jahre Kostüm im Utility Look zum Vorbild zu nehmen, das ich jüngst erst “live” zu sehen bekam.

utilitysuit

Wie mir Wikipedia so schön erklärte, ist Utility die Nützlichkeit, bzw. die Geschicklichkeit von etwas, einen Mangel und Bedarf abzudecken. Bezeichnet wird damit eine Mode, die sich aus praktischen Gründen in England in den 40er Jahren durchsetzte. Weil Materialien durch den zweiten Weltkrieg knapp wurden, setzte der Staat ein “Utility Clothing Scheme” um, was bedeutete, dass in der Kleiderproduktion möglichst wenig Stoff, wenig Knöpfe (und diese aus Plastik) und möglichst wenig Arbeitskraft eingesetzt werden sollten. (Sowohl das Material als auch die Arbeitskraft benötigte man nämlich für die Fabrikation von Luxus-Mode durch die Incorporated Society of London Fashion Designers, die England ins Ausland verkaufte, z.B. nach Südafrika, um Geld für den Krieg aufzutreiben). Diese neue Schlichtheit wurde nicht nur zum modischen sondern auch zum patriotischen Ideal. Schon durch die Kleidung konnte frau ihre Einstellung zum Krieg gegen Hitler zeigen. In Paris war dies widerum völlig anders. Hier zeigten die Frauen im besetzten Paris (falls sie es sich leisten konnten) mit oppulentem Kopfschmuck und den Farben der Nation ihre Ablehnung der Nazis.

Das auf den Fotos abgebildete und von einer Designerin mit dem für mich unaussprechlichen Namen Elspeth Campcommunal entworfene Kostüm ist übrigens im Victoria & Albert Museum in London ausgestellt. Und es ist mir innerhalb von drei Tagen in London zwei Mal über den Weg gelaufen. Das erste Mal in einem Anziehpuppenbuch des Usborne Verlags (“Wartime Fashion. Historical Sticker Dolly Dressing”) über die Mode im WWII … (Dem ich übrigens die interessanten geschichtlichen Informationen entnommen habe, während die Infos bei Wikipedia zur Mode im WWII eher dürftig ausfallen.)

anziehpuppen

Und dann im Museum. Exakt das gleiche Kostüm. Was mir mal wieder zeigt, dass die Briten ein völlig anderes Verständnis von Geschichte haben als wir. Ich habe vor einigen Jahren mal über den Alltag 1940 recherchiert. In der Sekundärliteratur fand ich so gut wie nichts über das Leben der “normalen” Leute. Meine einzige Quelle waren Tageszeitungen.

In England ist das anders. Geschichte wird als etwas begriffen, was alle Bereiche des Lebens angeht. Auch Mode. Oder Wohnen. Ich habe z.B. ein kleines Büchlein über die englische Einrichtung in den 4oern, in denen der Einfluss des Kriegs-bedingten Mangels auf das Möbeldesign beschrieben wird – in dem aber auch darauf eingegangen wird, dass die Menschen das ästhetische Bedürfnis hatten, die schwarzen Verdunklungsrollos zu verschönern. Mit geblümten Stoff oder applizierten Sternen und einem Mond…

anziehpuppen2

Klar, ein Anziehpuppenbuch zum deutschen WWII wäre schwierig. Ich würde mir defintiv nicht wünschen, dass meine Kinder Nazi-Uniformen aufkleben. Aber dass auch hier eine Darstellung von Mode im politischen Kontext möglich ist, hat das El-De-Haus in Köln mit der Ausstellung “Was hat das Hemd mit Politik zu tun? Bekleidung im Alltag des NS-Regimes” 2013/2014 bewiesen. Dort waren sowohl Hitlerjungen- und BDM-Uniformen ausgestellt, sowie Modemagazine, KZ-Kleidung und sogar ein Hochzeitskleid aus Fallschirmseide (genau so ein Modell ist übrigens auch in dem Anziehpuppenbuch abgebildet).

Mode ist eben nicht unpolitisch. Umso wichtiger finde ich es für diejenigen unter uns (also auch für mich), die Vintage-Modelle nähen, sich mit der Zeit und den Bedingungen zu beschäftigen, die bestimmte Mode hervorgebracht haben.

Und allen geschichtlichen Betrachtungen zum Trotz nehme ich mir beim Sew-Along die Freiheit, das Kostüm nicht in einem dezenten Grün-Grau zu nähen – sondern in dem hellen Blau, das ich schon zuvor anvisierte.

Falls die eine oder andere von euch eine Idee hat, woher ich einen Schnitt im Stil des Utility-Jackets bekomme: Immer her damit!

 

28 Comments

    • Mila says

      Dankeschön! Den Schnitt kannte ich noch gar nicht – und da habe ich bislang schon viel Zeit im Netz mit der Suche vertrödelt…

  1. Ein sehr interessanter, wichtiger Post!
    Der Zusammenhang zwischen Zeitgeschichte & Vintagemode ist mir sehr wichtig, denn gerade der historische Hintergrund macht es mir unmöglich,( ja, es ist mir fast verhasst ), zu verstehen, dass frau sich in Kleider der Vierziger hüllt.
    Das Frauenbild der Nazis drückte sich für mich geradezu in den Kleidern und Frisuren aus, eben eine Betonung der Natur des Weiblichen als Mutter ( zwecks Reproduktion von Kanonenfutter ). Ich habe darüber lange Gespräche mit meiner Schwiegermutter geführt, einer intelligenten, gut ausgebildeten Frau ( Mathematikerin ), die aber aufgrund der Ideologie sich auf diese Rolle hat reduzieren lassen, und das hat mich in meiner Haltung bestärkt.
    Bei einem Gespräch bei einem Bloggertreffen bin ich damit aber auf sehr viel Unverständnis gestoßen, und es wurde mir sogar als Form der Emanzipation verkauft, solche Kleider zu tragen. Das tat schon ein bisschen weh, wenn man wie ich, in den Siebzigern in diesem unseren Lande so Einiges auf den Weg gebracht hat, was heute für die Frauen selbstverständlich erscheint…
    Das unhinterfragte Nähen von Vintagemode bleibt für mich also ein No – Go oder Unding ( genauso, wie Anziehpüppchen für unsere Kinder aus dieser Zeit ).
    In diesem Sinne grüßt
    Astrid

    • Mila says

      Ein ganz spannender Denkanstoß, liebe Astrid. Ich werde da sicher noch mal ausführlicher eingehen, jetzt erstmal meine ungefilterten Gedanken dazu. Dass ich den Stil der 40er zu elegant finde, hat ganz klar mit frühkindlicher Prägung zu tun. Ich habe als Kind viele Schwarzweiß-Filme mit Ingrid Bergman (z.B. “Berüchtigt”) und mit Katharine Hepburn gesehen. Was fand ich die Schauspielerin damals elegant mit ihren Frisuren, ach, einfach ihr ganzer Stil hat mich unheimlich beeindruckt. (Ich habe auch Doris Day Filme gerne gesehen und seit her eine Vorliebe für die bunte Mode, die sie getragen hat – das schreckliche Frauenbild dieser Filme mal dahin gestellt…)
      Insofern, vor diesem Hintergrund, ist der Stil der 40er für mich ersteinmal ganz unpolitisch geprägt. (Mal abgesehen davon, dass sich Mode-Designer der späteren Jahrzehnte ja auch immer wieder von dem Stil der Zeit haben inspirieren lassen.)
      Das Wissen über die politische Situation der 40er kam später. Und vielleicht – wobei ich das nicht mit Sicherheit sondern nur aus dem Gefühl heraus sagen kann – gibt es dieses große Interesse an Vintage-Mode in Deutschland auch erst seit dem Internet und der Orientierung am Vintage-Kult in anderen Ländern.
      Ein Sew-for-Victory sewalong (http://luckylucille.com/2014/05/sew-for-victory-final-projects-and-giveaway-winners/#disqus_thread) wäre für mich in Deutschland ein absolutes Horror-Grauen – mal abgesehen davon, dass es absurd wäre – den Sew-Along der Amerikanerin Lucky Lucille habe ich aber mit Lust und Laune verfolgt.
      Ich erlebe den Spaß an Vintage-Mode und das Vergnügen am Stil der 40er vor dieser Leinwand auch als Spaß, Geschichte neu zu besetzen. Und ich empfinde es durchaus als “anarchistisch”-spaßig, wenn die offen lesbisch auftretende Bex auf ihrem Blog http://www.subversivefemme.com/ gerne mal im 50er Jahre Hausfrauen-Look auftritt. Ihr selbstbewusster Umgang mit ihrer Sexualität wäre damals ja nun unvorstellbar gewesen.
      Deine Bedenken teile ich durchaus, aber ich glaube, dass der Angang an Vintage-Mode heute durchaus ein “emanzipatorischer” sein kann – (garantiert nicht sein muss, das könnte auch ganz anders sprich negativ besetzt werden, da verstehe ich deine Kritik eben total.)
      Und vielleicht wäre es mal an der Zeit für einen Edelweißpiraten-Sew-Along… LG mila

      • Als alte Filmclubtante in den Sechzigern hat mir die Eleganz der Damen in den Filmen auch sehr imponiert.
        Aber wahrscheinlich nachhaltiger ist die Erfahrung der eigenen Mode – Emanzipation von diesen Vorbildern. Wenn man – wie ich – das Tragen von Hosen erkämpfen musste zu Hause & besonders in der Schule ( ebenso wie das Recht auf eigene Erwerbstätigkeit oder Wahl des Wohnsitzes als Ehefrau ein paar Jahre später – alles Dinge, die heute so selbstverständlich erscheinen ), bleibt bestimmte Kleidung repressiv und andere progressiv, da alles mit sehr viel Emotion verbunden ist. Da sitzt also etwas ganz tief, nicht nur, weil es mit Wissen um die historischen Zusammenhänge verknüpft ist.
        Das ich die Hosen anhabe, ist für mich einfach unumstößlich. Die meisten Nähbloggerinnen sind ja viel jünger. Meiner Generation gehört höchstens “Prinzenrolle”/Petra an…
        GLG

        • Mila says

          Das kann ich absolut nachvollziehen. Wenn ich keine Hosen hätte tragen dürfen, würdest du mich wahrscheinlich auch nie mehr daraus kriegen. Kleidung ist und bleibt eben nicht nur etwas Privates.
          Was mir noch bei der Recherche zur 40er Jahre Mode aufgefallen ist: Ich sehe das einige Ähnlichkeiten zu den 80ern mit den Schulterpolstern/ breiten Schultern, Anlehnungen an Männerjackets, Hosen (!) usw.
          Anders als bei uns, wo die Frau vor allem reproduzierende Mutter sein sollte (was im Krieg dann aber natürlich auch nicht mehr aufrechtzuerhalten war), bedeutete in den Ländern der Allierten die Kriegszeit ja auch, dass Frauen plötzlich Berufe und Aufgaben offen standen, die vorher völlig verpönt für sie waren (Ausnahme: Der erste Weltkrieg. Kurze Zeit gab es damals z.B. sowohl in England als auch in den 20ern bei uns in Köln weibliche Polizistinnen).
          Danke für die Diskussion!

  2. Liebe Mila, mir geht es wie Astrid, meiner Vorkommentatorin, dass ich bisher kein Verständnis dafür hatte, dass man sich Mode aus den Jahren des Weltkrieges anziehen wollte.
    Für mich ist diese Mode immer mit dem Nationalsozialismus und den daraus entstehenden Folgen behaftet.
    Was ich dabei natürlich gar nicht im Blick hatte, war das die englischen und französischen Frauen ja genauso vom Mangel und Krieg betroffen waren und, dass diese Zeit in diesen Ländern durchaus auch modehistorisch zu sehen ist.
    Meine Mutter war zur Zeit der Nazis ein junges Mädchen, beziehungsweise später eine junge Frau, und erzählte eigentlich wenig über modische Belange dieser Zeit.
    Ich finde deinen Post sehr lesenswert, da er immer alle Seiten beleuchtet. Und ich möchte dir natürlich nicht den Spaß am Nähen eines Kostüms aus den Vierzigern verderben.
    Wer hätte gedacht, dass Nähen so politisch sein kann?
    LG, Monika

    • Mila says

      Liebe Monika, auch dir vielen Dank für deinen Kommentar. Ich finde das ja großartig, wenn sich eine kleine Diskussion entspinnt… Durch mein Geburtsjahr her verbinde ich bildlich (aus Dokumentarfilmen und von Fotos aus Geschichtsbüchern her) mit den 40er Jahren “nur” Männer in Uniformen, Mädchen in BDM-Uniformen und diesen Bauern-Dirndl-Look der Mutter mit dem Mutterkreuz fürs Kanonenfutter-Produzieren. Über Mode vor diesem Hintergrund hatte ich mir bis vor wenigen Jahren gar keine Gedanken gemacht. Wie ich Astrid schon oben schrieb, verband ich den 40er Fashion-Stil komplett mit den großen Kino-Ikonen Hepburn und Bergman. Und ich glaube, dass das vielen Frauen aus meiner Generation (Jahrgang 72) und den späteren Jahrgängen so geht.
      Ja, nicht, ist das nicht irre, wie viel sich über Nähen sagen lässt!!!!

  3. Das Kostüm sieht fantastisch aus, die großen Knöpfe, der geschwungene Kragen… sehr hübsch. Und diese herrlich kantigen Schultern! Schönes Projekt, ich bin gespannt wie Du vorankommst. Liebe Grüße!

    • Mila says

      Ich bin auch gespannt. Ein Jacket ist jetzt doch eine ziemlich Näh-Herausforderung für mich. Na, du wirst meine Fortschritte oder Rückschläge sicher sehen können…

  4. Das Kostüm ist toll!
    Das muss ich mir – samt Schnitttipp von Frl. Swing – unbedingt merken!
    ich bin sehr gespannt.

    Liebe Grüße
    Simone

    • Mila says

      Das Kostüm mit der Bluse hat auch noch genau deine Farben, das habe ich tatsächlich schon gedacht! (Und es gibt zwar auf dem Simplicity-Schnitt ein paar offensichtliche Unterschiede, aber er kommt dem Original schon recht nahe!)

      • Hihi, die Bluse habe ich jetzt erstmal gar nicht gesehen.
        Aber ja, die farben sind genau meins <3

        • Hach, ich bin wirklich sehr verliebt in dieses Kostüm. Der SChnitt liegt mittlerweile hier – unwiderstehlich :-)

          Liebe Grüße und einen schönen Sonntag für Dich!
          Simone

          • Mila says

            Hast du ihn aus einem Geschäft in Köln???? Dir auch einen super schönen Sonntag…

  5. Nur ganz kurz, wa ein langer Tag. Doppelt verlinken ist ausnahmsweise ok, wenns nicht zu viele machen, sonst wird es unübersichtlich. Aber du hast ja tolle Tipps bekommen. Da bin ich mal gespannt.
    Lernen wir uns mal beim Stammtisch kennen?
    LG karin

    • Mila says

      Ja, der Schnitt-Tipp war grandios. Ich bin immer noch fest entschlossen, den Stammtisch zu besuchen! (Bisher ist mir allerdings jedes Mal was reingegrätscht…)

  6. Eine spannende Diskussion, die hier entbrannt ist. Als Historikerin – klar – seh ich Mode nicht losgelöst vom gesellschaftlichen und politischen Umfeld. Dennoch ist für mich die Mode der 40er Jahre nicht mit dem Nationalsozialismus verbunden, sondern ein länderübergreifendes und unabhängig vom politischem System entstandenes Modeideal (Das repressive Frauenbild war natürlich – in unterschiedlicher Ausprägung – auch länderübergreifend) Ich kann’s sehr gut verstehen, dass man diese Mode nicht ertragen kann, wenn man für heute selbstverständliche Rechte in den 60er, 70er Jahren kämpfen musste. Als Jahrgang 72 kann ich da sicher etwas unbefangener drangehen, mir gefallen einfach die ein oder anderen Schnitte dieser Zeit. Bin mir sicher, liebe Mila, dass dein heller Tweed ein tolles Vintage-Teil ergeben wird. Bin gespannt, liebe Grüße, Ulli

    • Genau so ist es Ulli, das ist das Glück der später Geborenen. Vielleicht sollte ich mal öfter darüber schreiben, was das bedeutet hat, in der Nachkriegszeit aufzuwachsen, vor der 68er Revolte, wie repressiv und verlogen das alles war. Dann ist vielleicht auch nachvollziehbar, weshalb ich mit diesen Kleidungsstücken nichts Emanzipiertes verbinden kann. Weiblich sein konnte ich eher in folkloristischen Gewändern der Hippiezeit. Mit “trachtiger” Kleidung verbinde ich weniger Negatives und liebe die Sachen von Lena Hoschek & Susanne Bisovsky. Auch etliches von Dolce & Gabbana gefällt mir, wenn es den sizilianischen Touch hat. Es ist also wohl nicht die Betonung des Weiblichen in Kleiderschnitten oder so, es ist die damit verbundene Rolle, die mich innerlich erschaudern lässt…
      Gute Nacht!
      Astrid

      • Mila says

        Liebe Astrid, leider war dein neuer Kommentar im Spam-Ordner verschwunden – das gab’s bisher noch nicht.
        (Was ich nur noch loswerden wollte: Ausgerechnet Trachten waren der Mode-Stil, den Hitler klar gegenüber der in seinen Augen degenerierten und jüdischen Pariser-Mode favorisierte. Den die deutschen Frauen (inklusive Magda Göbbels) nur nicht so annehmen wollten, wie er es gerne gehabt hätte…)

    • Mila says

      Liebe Ulli, interessant ist die Frage, ob Mode international ist – bzw. ob es eine deutsche, von den Nazis geprägte Mode gab? Spannend finde ich auch den Aspekt, dass sich im Nationalsozialismus besonders die Frauen der “Partei-Bonzen” nicht an favorisierten Dirndl-Look hielten. Und dass die Soldaten geraubte Kleider aus den besetzten Ländern an die Frauen daheim schickten, die dann selbstverständlich z.B. französische “frivole” Mode trugen. Mal abgesehen davon, dass die Kleidung von Juden und Andersdenkenden, die die Nazis umbrachten und deportierten an die Bevölkerung weiter gegeben wurden. Die Ausstellung, die u.a. dieses Thema behandelte, habe ich leider verpasst:
      http://www.glanz-und-grauen.lvr.de/de/nav_main/ausstellung/ausstellung_1.html
      Da gibt es auch einen guten kurzen Film zur Ausstellung…
      Mich hat die Diskussion hier jetzt schon angeregt, mehr über das Thema Mode und den Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen der 40er zu recherchieren… Da gibt es noch soooo viel zu erfahren…

      Ach, und guck mal, jetzt habe ich gleich zwei neue Aspekte über dich erfahren: Wir sind gleichalt & du bist Historikerin (und ich habe ein Faible für Geschichte!)….

      • Bele says

        Die Ausstellung ist inzwischen in Bocholt zu sehen und ich kann ihren Besuch nur dringendst empfehlen (und freue mich auf die Publikation, die dazu noch erscheinen wird und die die Forschungsarbeit zugänglich macht):
        http://www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/bocholt/sonderausstellungen/
        Es wird dort nämlich auch mit dem ein oder anderen Vorurteil über die Mode der deutschen Kriegszeit aufgeräumt, das sich hartnäckig hält (auch interessant, wie solche Ideen im Nachhinein entstehen und gepflegt werden…) und es sind viele (auch sehr schöne) Beispiele in natura zu sehen.
        Auch lesenswert in diesem Zusammenhang ist der Ausstellungskatalog “Frankfurt Macht Mode 1933 – 45″. Augenfutter und einen interessanten Blick auf verschiedene Nationen findest du in “Forties Fashion” von Jonathan Walford. Einzusehen jeweils in der Kunst- und Museumsbibliothek Köln 😉

        Liebe Grüße, Bele (mit einem Faible für u.a. Kleidungforschung)

        • Mila says

          Herzlichen Dank, Bele, das ist ja toll. Mal schaun, ob ich es zur Ausstellung schaffe, aber die Kataloge werde ich unbedingt lesen. Ich bin gespannt… Und allmählich kann ich dein Faible für Kleiderforschung verstehen. Früher fand ich Mode eher uninteressant, erst nach und nach habe ich kapiert, wieviel darüber geschichtlich, politisch usw. transportiert wird…

  7. ich habe gerade sehr gespannt die diskussion hier verfolgt – ich gehöre ja auch eher zu astrids generation und durfte als kind auch noch keine hosen tragen, nicht mal in meiner ersten lehrstelle… in den 1950er- und 60er jahren waren frauen eben reduziert auf hausfrau und mutter. allein wenn man sich die werbung dieser zeit ansieht, kann einem schon schlecht werden. aber trotzdem begeistern sich heute so viele junge frauen für die mode dieser jahre, denn neben all dieser spießigkeit war es auch die zeit des aufkommenden rock’n rolls, eines aufbruchs nach den mangeljahren. so ist diese mode auch politisch zu bewerten – lockerheit statt eingepresstsein in enge kostüme und/oder kittelschürzen (letztere sind mir heute noch sooooo verhasst!).
    mode der 1940er jahre kenne ich auch nur aus filmen und büchern. ich sehe da eher unglaublich hübsche französinnen vor mir, die mit eleganten weichfallenden kleidern und feinen schuhe in pariser cafés sitzen (ich habe alle bücher von simone de beauvoir gelesen…).
    ich bin gespannt, wie dein kostüm in hellblau aussehen wird!
    liebe grüße von mano

    • Mila says

      Liebe Mano, als ich den Post veröffentlichte, bin ich gar nicht davon ausgegangen, dass sich so viele durch den langen Text quälen. Umso erfreuter bin ich von der Diskussion hier. Auch das ist für mich Inspiration. Oder gerade das!
      Mir war der Aspekt mit der persönlichen zeitgeschichtlichen Betrachtung und damit natürlich auch emotional aufgeladenen Bewertung von Mode gar nicht so bewusst. Ich blicke auf die 40er und 50er von einer viel größeren Distanz aus. Für mich war ja von Kind an viel mehr Spielraum drin.
      Ich hoffe nicht, dass es auch in meinem Leben mal Situationen geben wird, in denen ich eine bestimmte Mode nicht ertragen kann, weil sie für eine Zeit steht, in der ich meine Frauenrechte massiv beschnitten gesehen habe.

  8. Es gab ja schon einmal Sew-Alongs in deutschen Nähkreisen, die hießen – wenn ich mich recht erinnere – “Bombshell Bathing Suit” und “Himmelfahrtskommando” (bei einem war auch ein Soldat abgebildet, die Zwischenstationen hießen irgendwie militärisch). Ich weiß noch, dass die Näherinnen so jung waren, dass sie das schwere Schlucken der Älteren bei den Titeln gar nicht nachvollziehen konnten. Ich bin ein bisschen so mittendrin, verstehe die Probleme der Älteren gut, aber bin auch in der Lage, zu abstrahieren und das Elegante an der Kleidung der Zeit zu sehen. Ich habe mir auch mal eine Mütze aus der Serie nachgehäkelt, glaub es war von James Herriots Frau. Eine Häkelpasse aus einem deutschen Handarbeitsheft von ca. 1936 liegt auch noch hier, hat aber doch so ein bisschen Gruselfaktor.
    Irgendwann habe ich mal was zum Thema Schürze gemacht, da ging es richtig ab! Da wurden die Generationen auch ganz deutlich.
    Mich ärgert auch, dass es auf deutsch so wenig Fachliteratur über Alltagskultur gibt. Zum Thema Schürze und Strickjacke habe ich gerade zwei Bücher gefunden, aber das sind Ausnahmen. Daher habe ich meinen Blog auch inzwischen so fokussiert und möchte Lobbyarbeit machen.
    Nun ist das viel zu lang geworden. Danke!

    • Mila says

      Überhaupt nicht zu lang!!! Im Gegenteil. Ich finde es ganz toll, dass du bzw. auch die ein oder andere Leserin hier mal länger Stellung nimmt. Es ist ein bißchen wie Denk-Billard. In einem Kommentar wird bei mir ein Gedanke angestoßen, der durch einen anderen wieder weitersaust usw.
      Zu den Sew-Alongs. Die britische Mode der 40er finde ich sehr faszinierend, andererseits bin ich anti-militaristisch eingestellt und alles, was Militär und Krieg als zu normal etablieren könnte, lehne ich sonst entschieden ab (Von wegen “however…”). Eine schwierige Gratwanderung also.
      Den Gruselfaktor mit deutschen Handarbeitsheften aus der Zeit kann ich absolut nachvollziehen, deshalb sammle ich lieber nur deutsche Hefte ab den 50ern (obwohl auch die den ein oder anderen leichten Gruselfaktor haben können).
      Den Schürzenpost und die Diskussion darum habe ich verfolgt. Ich verstehe gut, dass manche (jüngeren) Frauen sagen, ich habe aber Lust auf z.B. Schürze und ich bin trotzdem emanzipiert und habe keinen Bock, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Aber. Es gibt eben nichts ohne Geschichte und Zusammenhang (Das Private ist und bleibt politisch). Deshalb gefällt mir der Aspekt der anarchischen Aneigung und damit Neubesetzung so gut. Wobei die Gefahr der von außen wahrgenommenen Glorifizierung bestimmter Kleidungsstücke/ Zeiten halt gegeben ist. Das muss man (sprich: ich) sich also immer wieder bewusst machen.
      Danke dir für dein Interesse und deinen Austausch. Das bereichert mich. Und ich fände es wirklich super, wenn wir uns mal auf ein gemeinsames Blickwinkel-Thema verständigen würden.

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