Ein Blick

Strange Material

Geheimnis

“You can retell your life and remember your life by the shape, weight, color and smell of those clothes in your closet. They are like the weather, the ocean – changing all the time. ”

Die Künstlerin Louise Bourgeois, von der diese Zeile stammen, hat sehr viele ihrer alten Kleider in ihren Kunstwerken verarbeitet. Mittlerweile gibt es etliche Künstler, die sich an Textilien bedienen, um Aussagen zu vermitteln. Gerade politische Künstler verwenden Kleider und auch Schuhe, um das schmutzige Geschäft mit der Mode anzugreifen. Dementsprechend gibt es einige/ ein paar Kunstbücher, in denen sie vorkommen. Z.B. in Art&Agenda. Political Art and Activism.

Strangematerialbuch

Die Möglichkeit, unterschiedliche Geschichten durch Textilien zu erzählen, fasziniert mich schon lange. So habe ich eine Romanfigur von mir aus den Babykleidern ihrer verstorbenen Tochter und aus Kleidern, die sie selbst als Kind getragen hat, eine Erinnerungsdecke nähen lassen. Ich habe mich auch schon darin versucht, aus einer alten Cord-Hose meiner Kinder nähender- und stickenderweise eine neue Geschichte zu erschaffen.

Auf Kerstins Blog entdeckte ich unlängst den Hinweis auf die Autorin Leanne Prain. Ich las auf Prains Homepage, dass sie gerade ein Buch dem Titel “Strange Material. Storytelling through textiles.” herausgegeben hat.  Die in dem Buch vorgestellte Ebene von Textilien als Geschichten-Transmitter fand ich unglaublich interessant. Prain stellt viele Mixed-Media-Künstlerinnen vor, u.a. eine, die aus den Kleidern Verstorbener Memory-Quilts für die Hinterbliebenden näht (spannend ist auch das Poesie-in-Kleider-nähen-Projekt von Augustina Woodgate). Prain lässt die Künstlerinnen konkrete Vorschläge geben, wie man selbst (s)eine Geschichte textil verarbeiten kann.

samstagstee

 

Faszinierend fand ich auch die Betrachtungen zu Textilien als Mittel für Frauen, ihre Geschichte ähnlich der Oral History zu verbreiten (interessant hierbei z.B. die Arpillera aus Chile, dreidimensionale benähte und bestickte Tücher, auf denen die Frauen, die unter der Diktatur nichts von ihren “verschwundenen” Angehörigen sagen durften, ihre Trauer und ihre Wut über ihre Näharbeiten kommunizierten.) …

Falls ihr weitere Bücher in ungefähr diese Richtung kennt oder andere interessante Lektüre-Vorschläge für mich habt: IMMER HER DAMIT! Ich sauge da gerade alles auf wie ein Schwamm…

Sonnentee

Ich nähe/sticke/erzähle dann mal weiter & wünsche euch ein wundervolles sonniges Wochenende!

Vergesst nicht euren Samstagskaffe bei Ninjasieben zu trinken …

32 Comments

  1. Wie spannend und vielen Dank für diese Anregung, Mila. Damit hatte ich mich bislang nicht beschäftigt, klingt aber sehr inspirierend.
    LG. Susanne

  2. Das ist spannend, irgendwie können solche Stoffgeschichten ja auch in die Quilts einfließen, oder?
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Mila says

      Da fallen mir die Quilting Bees ein, bei denen mehrere Siedler-Frauen in den USA vorbereitete Patchworkstücke mitbrachten und gemeinsam verarbeiteten und sich dabei Geschichten erzählten und Neuigkeiten verbreiteten…

  3. Ein verwandtes Thema zu meinen Motiven! Aber in Textilien! Ich habe eine Freundin, die Zwillinge bekommt und trage mich gerade mit dem Gedanken, aus den Sachen (Shirts mit Motiven) meiner Jungs eine Spieldecke zu nähen. Als Verbindungstür texitler Art zwischen unseren Kindern sozusagen.

    • Mila says

      Eine wunderschöne Verbindung. Mach die Decke auf jeden Fall! Und ja, sehr verwandt mit dem, womit du dich gerade beschäftigst…

  4. oh das kenne ich – jedes von mir gekaufte Teil ist mir bekannt – in meinem Kleiderschrank und denen meiner Kinder! komisch ne…
    hab ein schönes Wochenende :)

    Denise

  5. Eine liebe Freundin von mir hat ihrem Mann zu ihrem 15ten Hochzeitstag eine Kuscheldecke geschenkt. Darin waren ganz viele Dinge eingearbeitet: sein Lieblingsshirt aus dem Studium, von allen drei Mädels einen Body (oder Schlafanzug), ein Stück aus ihrem ersten gemeinsamen Bettbezug und einige andere Stoffe mit Erinngerungswert. Er hat es geschenkt bekommen und ich habe geheult.. grins!! Ja, so war das..
    Dir auch ein wundervolles Wochenende! Herzlichst, Nicole (die hier auch noch Danke sagen möchte..)

    • Mila says

      Das ist aber auch ein ganz hinreißendes Geschenk. Kein Wunder, dass du geheult hast…

  6. Dann lies mal “Quilt” von Wittney Otto. Ein wunderbares Buch. Lebensgeschichten von Frauen, die sich in einem Quiltzirkel treffen. Es gibt einen Film, aber der ist nicht so gut.

    • Mila says

      Gut, dann gebe ich dem Buch eine Chance. Der Film hat mir tatsächlich nicht so wahnsinnig gut gefallen, aber das ist ja durchaus öfter so…

  7. Hallo Mila,
    das ist aber ein interessantes Thema! Deinen Links werde ich später noch mal genauer nachforschen.
    In dem Krimi “Die Familiengruft” von Charlotte MacLeod stickt eine erblindete Frau ihr Tagebuch in Braillschrift in ihre Vorhänge. Die Heldin erkennt das zum Ende des Buches hin und klärt so die Verbrechen auf. Fand ich eine sehr spannende Idee.
    Seit einiger Zeit horte ich Kleidungsstücke meiner Töchter aus Cord um daraus eine Decke zu nähen. Die Idee habe ich in irgend einen Film oder einer Serie aufgeschnappt. Lustig, dass du eine ähnliche Idee auch schon für deine Handlung hattest. Überhaupt- ich als alte Krimitante muss mir doch gleich mal welche von deine Bücher organisieren. Hab ich heute erst kapiert, das du schreibst. Tja, manchmal kommt die Erkenntnis eben später.
    Wegen des Materialtauschs schreib ich dir später noch eine Mail.
    Liebe Grüße und schönes Wochenende noch.
    Jennifer

    • Mila says

      Das mit der Blindenschrift ist tatsächlich eine sehr spannende Idee…
      Und auf die Cord-Decke bin ich gespannt…
      Dir auch ein wundervolles Wochenende…

      • Mila says

        Ach, das soll noch mal jemand sagen, Fernsehen würde nicht bilden…

  8. Hallo Mila,
    wie viele spannende Themen es gibt, mit denen man sich noch NIE auseinander gesetzt hat, irgendwie ist das Leben viel zu kurz…. Also kann ich Dir logischerweise nicht mit passenden Literaturhinweisen dienen – aber Dir danke für die Inspiration!
    LG, Mecki

    • Mila says

      Das mit dem kurzen Leben denke ich immer, liebe Mecki, wenn ich mal wieder über ein Thema stolpere, in das ich mich UNBEDINGT einarbeiten muss. Herzliche Grüsse…

  9. Das ist ja echt eine spannende Sache, wie du darüber berichtest. Und das mit den Vorhängen… wahnsinnsidee! So große Fantasie und Kreativität beeindruckt mich.
    Ich habe das Buch “Quilt” zu hause, aber noch nicht gelesen. Meine Mutter hat es mir vom Flohmarkt mitgebracht. Jetzt bin ich neugierig geworden.
    Schönen Sonntag★Angela

    • Mila says

      Neugier, Fantasie und Kreativität gehen in meinen Augen Hand in Hand, liebe Angela. Genieß den Rest des Wochenendes…

  10. Liebe Mila,
    ich finde die Sichtweisen von Leanne Prain auch sehr spannend, komme da aber leider sehr schnell an meine Grenzen, da ich sehr schlecht bin in Englisch…schade. Aber das Buch, das ich habe spricht durch die Bilder.
    In meinem Job habe ich sehr, sehr viel mit Textilien zu tun, die Geschichten erzählen könnten…Wir versuchen ihnen noch mal Leben einzuhauchen mit unseren Kreationen.
    Viele unserer Kunden schätzen diesen Aspekt. Für mich ist es oft sehr anrührend, besonders dann wenn ich Sachen bekomme und ahne, da ist jemand vielleicht gestorben und die Angehörigen lassen uns den Materialfundus z.B. von Oma zukommen.
    Das ist dann bisweilen eine fast schon intime Sache…und es erfüllt mich , wenn es uns gelingt, das ein oder andere Stöffchen, Bändchen oder Knöpfchen nochmal sozusagen in den Umlauf zu bringen.
    Ganz liebe Grüße,
    Kerstin
    Ach ja, eine Geschichte zu diesem Thema habe ich auch mal auf meinem Blog erzählt:
    http://jansschwester.blogspot.de/2014/06/spitzengirlande.html

    • Mila says

      Deine Girlanden-Geschichte ist hinreißend. Eine tolle Idee. Dass der Materialfundus teilweise intim sein kann, das glaube ich.
      Gerade erst hatte ich hier die Diskussion mit einer anderen Bloggerin, dass es so wenig solcher Bücher auf deutsch gibt. Das ist wirklich schade. Aber wenn der Markt/ die Nachfrage größer wäre, würde das Manko sicher behoben, oder? Vielleicht sind diese Themen in Deutschland nicht so verbreitet, bzw. gibt es nicht so viel Interesse daran? Ich weiß es nicht…

  11. Ein toller Beitrag über ein interessantes Thema, vielen Dank
    Liebe Grüße
    Armida

    • Mila says

      Schade, dass München nicht gerade um die Ecke ist. Zuletzt gab es in Köln vor ein paar Jahren eine Bourgeois Ausstellung in einer kleinen Galerie. Aber ich würde schon gerne mehr ihrer Werke in “echt” sehen.
      Craftista kenne ich bereits. Das fand ich als Einstieg sehr interessant…

      • Wenigstens auf einen Post kannst du dich in der übernächsten Woche bei mir freuen…
        LG
        Astrid

        • Mila says

          Oh, oh, oh, ich ahne etwas… Und bin jetzt SEHR vorfreudig…

  12. Hi, vielen Dank für den Buchtipp. Ich nehme an, da ist Sherri Lynn Wood drin erwähnt? Zu den chilenischen Tüchern habe ich auch gerade einen Podcast von Griselda Pollock gehört (Konferenz zu Subversive Stitch, Link funktioniert gerade nicht).
    Ansonsten fällt mir noch das Buch zur Quiltausstellung im V&A ein (Untold Stories) und die Token vom Foundling Hospital, kennst du ja vielleicht. In Berlin gibt es einen Second-Handladen, an die auf Labeln die Geschichte der Kleider erzählt werden. Quilt mit Textilien von Familienangehörigen habe ich auch schon für meine Tochter gemacht, der ist aber im Nachhinein ein bisschen zu kindisch-bunt geworden, um Lebenslang benutzt zu werden :-)

    • Mila says

      Die Untold Stories und Token kannte ich noch nicht. Auch nicht den Second-Hand-Laden. Klingt spannend.
      Aber vielleicht nutzt deine Tochter den Quilt später mal für ihre Kinder… Ich habe noch eine alte von meiner Mutter genähte Wachstuchtasche im Gebrauch (quietschgelb weil 70er) mit der ich jeden Morgen zu meiner Kinderfrau gereist bin. Manche Dinge begleiten einen dann doch lebenslang…

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