Kreative Gedanken

Topflappen im Museum

Verflixtundzugenäht

Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man die einzelnen Fäden im dichten Gewebe der großen Geschichte der Menschheit. Fäden, die sich durch die Jahrhunderte winden wie Essen. Kleidung. Handwerk. Ungeziefer. Ein Geschichtsstoff, der nicht aus Daten von Schlachten und Eroberungen und Erbfolgen von Königshäusern besteht, sondern aus ganz profanen Dingen. Es sind vor allem diese Details, die uns eine Verbindung zur Vergangenheit spüren lassen. Ich weiß noch, es muss in der achten Klasse gewesen sein, wie mir das Leben der Menschen am Hofe des Sonnenkönigs dadurch begreifbar wurde, dass ich von Läusen erfuhr, die die Menschen unter den aufgetürmten Perücken plagten. Nicht ohne Grund ist es vermutlich vor allem Ungeziefer, das mir nach meinem Besuch vor drei Jahren im Nordiska Museet in Stockholm in nachhaltiger Erinnerung geblieben ist. Neben einer erstaunlichen Sammlung an Topflappen.

Bettwanzen

Während ich beim Samstagstee letzte Hand an die Details für meine Weihnachtskrippe lege, spinne ich meine Gedanken über Geschichte und Geschichten der Handarbeit. Zwischendurch lese ich in dem liebevoll gestalteten Büchlein “Verflixt & Zugenäht. Textile Redewendungen gesammelt und erklärt.” von Suschna. Da ich mich in absehbarer Zeit intensiver mit dem Thema Text&Textilien beschäftigen will (ein erster Anfang ist im Rahmen der Krippe schon getan), war das Buch ein Muss für mich. Ich lese darin über Leitfäden, Erzählstoffe und Netzwerke:

Das Bild des Spinnens wird in vielen Sprachen für Worte und für Gedanken gebraucht, die wie Fäden aus dem Kopf heraus gesponnen werden. Im Englischen steht to spin a yarn für etwas erzählen.

(Seite 11.) Wer wie ich Spaß an der Herkunft von Worten hat, vor allem denen aus dem textilen Bereich, dem sei das Buch sehr ans Herzen gelegt.

HaubenundHandschuhe

Spinnen wir den Faden aber wieder zurück zum Nordiska Museet. Als ich neulich wieder dort war, gab es die Bettwanzen noch immer. Die Topflappen waren hingegen einer bunten Sammlung von Häkeldeckchen gewichen. Das Museum und seine Kuratoren verstehen es wie keine anderen (zumindest habe ich so eine Mischung noch nie in diesem imposanten Ausmaß gesehen), die Geschichte der Herrschenden mit der Geschichte der ganz normalen Menschen zu verbinden. So beinhaltet die Sammlung fürstliche Gewänder ebenso wie schlichte Kleidung. Es wird versucht, so viel an textiler Handwerkskunst zu bewahren, wie nur möglich. In Schubfächern gibt es eine erstaunliche Sammlung an gewebten Tüchern und bestickten Stoffen zu sehen.

SchubfächermitHandarbeit

Doch es bleibt nicht beim Konservieren. Verbindungen werden von der Handwerkskunst früherer Zeiten bis heute geknüpft. So finden auch moderne Handarbeit findet einen Platz. Durch das Bewahren (und in Verbindung stellen) von einfachen Dingen wie Topflappen, Hutnadeln, Häkeldeckchen, Hauben, Spielzeug und Puppenkleidern (nichts ist zu profan) entsteht ein lebendiger Prozess.

Großeskissen

Das, was für die Betrachter allein gesehen allenfalls einen dekorativen Wert hat, wenn überhaupt, erfährt im Zusammenhang eine enorme Aufwertung. Denn was ein Museum erhält, kann zur Grundlage von Forschung werden. Was zur Grundlage von Forschung wird, wird andererseits eher erhalten.

Puppencouture

Und was erhalten wird, kann nachfolgende Generationen inspirieren, etwas ganz Eigenes daraus zu machen…

Am Ende ist vor allem entscheidend, das eine Handarbeitstechnik nicht im Museum verstaubt, sondern weiter getragen wird.

SovieleHäkeleien

36 Comments

  1. Text und Textilien ist ein spannendes, aber auch umfassendes Thema. Warst du schon in der Kolumba-Ausstellung “Der rote Faden”? Dort geht es zwar um Ordnungen des Erzählens in der Kunst und nicht um Textilien, aber sie ist sicher auch interessant für dich.
    Liebe Grüße
    Carmen

    • Leider noch nicht. Ich hatte bei Astrid schon von der Ausstellung gelesen und will sie mir unbedingt angucken. Danke für den Hinweis.

  2. Liebe Mila,

    vielen Dank für diesen schönen Post. Deine Liebe zu Textilien und Handarbeiten bringst du uns damit wieder etwas näher.
    Für mich ist es erstaunlich, dass du trotz deiner Arbeiten an deiner wunderschönen Krippe Zeit für diesen Post findest und dass deine Gedanken bei weit mehr Dingen als der Krippe sind.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und gutes Gelingen!

    Liebe Grüße! Birgit

    • Liebe Birgit, danke für deine lieben Worte. Tatsächlich finde ich gerade sehr wenig Zeit zum Bloggen, dieser Artikel war eigentlich schon ein bisschen früher geplant. Am Montag ist es soweit!!!!

  3. Solche Ausstellungen bringen viele zu selber Handarbeiten.
    Spannend dargestellt oder liebevoll hervorgehoben… Einfach hübsch und informativ.
    Das Sticken macht mir erstaunlicherweise tatsächlich Spaß obwohl meine bevorzugten Nadeln immer noch die zum stricken sind.
    Liebe Grüße und schönes Wochenende,
    Andrea

    • Das stimmt, ich bin mir sicher, dass viele durch solche Ausstellungen Lust auf Handarbeit bekommen. Und warte es mal ab, vielleicht kannst du beide Nadelarbeiten bald miteinander verbinden. Bestickte Socken oder bestickte Handschuhe beispielsweise… Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf…

  4. ach stockholm. als ich das letzte mal dort war, fand ich es furchtbar anstrengend, aber ich glaube in dieses museum muss ich auch mal dringend rein. ist notiert für meinen nächsten langen schwedentrip. im sabbeljahr dann.
    liebe grüße,
    jule*

    • Ich glaube, man darf nicht alles sehen wollen bei einem Besuch. Und dieses Museum ist ein Muss. Da gibt’s auch so tolle Fotos, Designer-Stoffe aus den 50ern, Musterküchen, eine 50er Museumswohnung… alles. LG mila UND DANKE FÜR DIE AUFNÄHER!

  5. berauschend und eindrucksvoll – ein sehr gelungener post zum thema, liebe mila :-)
    lg anja

  6. Das scheint ein Buch für mich zu sein. Das letzte Bild im Beitrag gefällt mir super. :-) lg Regula

    • Ich kann dir das Buch wirklich nur empfehlen. Das ist ein kleines Schmuckstückchen…

  7. Och, das hört sich ganz zauberhaft alles an, und am liebsten würde ich mich sofort aufmachen. Zu text und Textilien bin ich auch schon sehr gespannt und ganz wild, mehr zu sehen und selber auch auszuprobieren. Insofern wird das ein spannendes neues Jahr und ich freue mich schon, von dir dazu zu lesen!
    Hab einen feinen Samstag und weiterhin guten Endspurt!
    LG. susanne

    • Jaaa! Lass uns mal gucken, wo wir was gemeinsam probieren können…

  8. Da hast Du recht, Nordiska Museet ist so wunderbar! Ach, ich möchte auch mal wieder nach Stockholm! Das Büchlein ist fein, ich habe es gerade heute als Geschenk verschickt.
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Dann bin ich gespannt, ob die Empfängerin (ich nehme das jetzt einfach mal an) auch so begeistert ist.

  9. Um das Buch schleiche ich auch noch herum. Ich versuche ja zur Zeit mich grundsätzlich zurück zu halten, aber es ist so hübsch und so ein schönes Thema …

    Es ist wunderschön zu sehen, wie intensiv du diese Reise noch im Nachhinein genießt und wie viele Anregungen du mitgenommen hast und jetzt in Blogbeiträgen und Handarbeitsideen umsetzt.

    • Zurückhaltung kann ja nicht schaden, aber bei diesem Projekt musste ich das Buch einfach bestellen. Schon weil Suschna dermaßen viel Liebe und Arbeit hinein gesteckt hat. Und es lohnt sich, finde ich.
      Danke für deine Worte!

      • Und der Preis ist für so eine hübsche kleine Auflage auch nicht schlecht – trotzdem muss ich noch ein bisschen brüten (und sehen, wie es in den nächsten Tagen mit dem Tierarzt so wird). :)

  10. Die Sammlungen der Alltagsgeschichte, von denen es leider viel zu wenige gibt, finde ich auch immer höchst spannend.
    Lieben Gruß und Dir ein schönes Restwochenende
    Katala

  11. Danke, dass du dir noch die Mühe gemacht hast, über deinen Museumsbesuch zu berichten. Und die tollen Fotos! Am Ende, sind das die Häkeldecken? Und einige gefärbt? Oder einfach nur Spitze? Eine ganz tolle Präsentationsidee, wenn man mit Erbstücken überhäuft ist.
    Deine Worte “Ein Geschichtsstoff, der nicht aus Daten von Schlachten und Eroberungen und Erbfolgen von Königshäusern vermittelt besteht, sondern aus ganz profanen Dingen” spricht mir natürlich aus der Seele und dieses Museum MUSS ich sehen.
    Außerdem danke ich natürlich sehr für die Vorstellung meines Buchprojektes. Auf deine weiteren Projekte bin ich gespannt. Alles Gute mit der Krippe!

    • (Ups, da habe ich einen etwas verschwurbelten Satz geschrieben… ) Das Museum musst du wirklich sehen. Wahrscheinlich würdest du von der Stadt sonst nicht mehr viel mitkriegen. Das sind im letzten Foto alles Häkeldeckchen verschiedener Größe, ich nehme aber an, dass die nicht extra gefärbt werden mussten.

  12. Beeindruckend diese ganzen kleinen vorallem weißen Häkeldeckchen. Wieviele fleißigen Frauenhände haben da wohl stundenlang dran gewerkelt? Immer wieder die Maschen zählend und mit der Vorlage vergleichend die Stirn gerunzelnd? Man kann es nur erahnen.
    Herzliche Grüße, Nicole

    • Du hast es so wunderbar erfasst, Nicole, die Arbeit und Konzentration, die in diesem Regal steckt, ist fast unermessbar.

  13. Dieses Museum hast Du mir ja schon ans ♥ gelegt und ich bin begeistert!
    Alles Gute für Deine Krippe!!
    Ich bin sehr gespannt auf erste Bilder :-)
    Viele liebe Grüße an Dich Fleißige,
    Kerstin

  14. Liebe Mila,
    danke für diesen wunderbaren Post!
    Ich wünsche Dir einen guten Start in eine schöne neue Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

  15. Hallo Mila
    Das erinnert mich daran, dass ich schon lange nicht mehr im St. Galler Textilmuseum war. Dort ist auch eine gute Ausstellung mit wechselnden Schwerpunkten.
    Stoff ist eh ein interessantes Thema. Kleidung tragen wir ja alle und es ist spannend zu sehen, was unsere Vorfahren am Leib hatten.
    Das Foto mit den bunten Spitzen finde ich ganz toll.
    Grüess Pascale

  16. Oh, diesen feinen Post hätte ich doch glatt fast verpasst vor lauter Weihnachtskrippe und Engelreh-Liebe. Wunderbar und einfühlsam geschrieben. Ein Stück Kulturgeschichte. Ich bin sehr gespannt auf das Text-Textil-Projekt. Die kleinen Textil-Text-Häppchen aus Suschnas Büchlein sind zz. meine Gute-Nacht-Lektüre. Lieben Gruß Ghislana

  17. wir haben auch ein Museum der Volkskunst in der sich allerfeinste Handarbeiten bewundern lassen. Sehr fasziniert bin ich von der Genauigkeit und der Perfektheit der Arbeiten. Ganz feine Sachen gibt es da zu sehen.

  18. Pingback: Kurzwaren: Links und Infos Nummer 13 | Textile Geschichten

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