Kreative Gedanken

Back to the Future

Jahreswechselkissengroß

Mir geht alles zu schnell. Der Jahreswechsel. Persönliche und politische Entwicklungen. Das Internet. Das Leben an und für sich. Und überhaupt. Langsamkeit. Bedächtigkeit. Reflektion. 2016 möchte ich mehr davon umsetzen. Vor allem in der Handarbeit. Es geht mir in Zukunft mehr darum, über den Prozess des Kreativseins zu reden, als alles herzuzeigen, was ich gemacht habe. Für mich ist Kreativität vor allem eine Annäherung. Und so habe ich das Jahr still angefangen. Mit einem wundervollen Kreativtag mit der geschätzten Bele, die ich im letzten Jahr über den Blog kennen lernen durfte.

Handarbeit2

Gemeinsam haben wir uns Zeit gelassen, winzige Stücke Stoff bearbeitet, uns an der japanischen Batiktechnik Shibori probiert. Dabei geredet, einander näher kennengelernt. Die farblichen Ergebnisse sind mäßig ausgefallen, doch das hat den Wert des ganzen Tages nicht gemindert. Das Miteinander stand im Vordergrund. Das Machen. Nicht das Produkt.

Stickküken

Alles bedingt sich, hängt zusammen, führt zum anderen. So wie eine verspielte Stickerei mit Wollgarn in den Weihnachtstagen mich zu meinen neuen Projekt veranlasst hat. Meinem Jahreswechselkissen. Um Erfahrungen zu verarbeiten, Stich für Stich, und sie mit Hoffnungen zu verweben. Auch um mich als Person noch stärker mit dem, was ich mit meinen Händen herstelle, in Verbindung zu bringen.

Jahreswechselkissen

Als Autorin ist das Material, mit dem ich kreativ arbeite, das Wort. Worte, die ich zu einem Text zusammen webe. Geschichtsmaterial. Mit Worten habe ich in meinen Romanen Erinnerungsquilts genäht und Stoffskulpturen erschaffen. Diesen Prozess umzukehren, ist eine spannende Herausforderung für mich. Es gibt viele Textilkünstlerinnen, die eine eigene stoffliche Sprache erschaffen haben. Ich möchte gerne meine finden. Als Autorin sind mir kreative Schreibübungen vertraut. Beispielsweise hilft es, die Handschrift eines Charakters zu entwickeln, um diese Figur besser verstehen zu können und um die Sprache dieser Figur zu finden. Genauer: Wenn ich mit Kinderschrift in ein Schulheft zu schreiben, passen sich die Worte, die ich schreibe, interessanterweise der Schrift an, werden einfacher, kindlicher.

Für mich gilt es jetzt, Worte in Bilder umsetzen. Ein Transformationsprozess mit der Nadel. Einen Anfang möchte ich mit einem Jahresübergangskissen machen. Das heißt, ich sticke nicht einfach irgendwas, sondern setze mich dabei mit dem letzten Jahr und meinen Erwartungen für das neue auseinander. Dazu habe ich mir jede Menge Fragen gestellt:

-Wenn du auf das vergangene Jahr zurückblickst, welches Gefühl springt dir als allererstes entgegen? -Gib dem Gefühl eine Farbe. -Erinnere dich an ein Erlebnis im Jahr 2015, das für dich besonders war. Ob besonders gut oder besonders schlecht, spielt dabei keine Rolle. -Schließe die Augen. Welche Farbe hat das Erlebnis? -Finde ein Symbol dafür. -Jetzt richte deine Gedanken auf das neue Jahr. Was wünscht du dir für 2016? Welche Sehnsucht verbindest du mit dem kommenden Jahr? -Schließe die Augen. Welche Farbe hat die Sehnsucht? -Gib dieser Sehnsucht ein Symbol. -Was, das dir in 2015 widerfahren ist, würdest du in 2016 gerne hinter dir lassen? Was würdest du überwinden wollen? Welches beherrschende Gefühl hattest du dabei? -Finde dafür eine Farbe. -Dann denke über ein Symbol dafür nach. -Was nimmst du aus 2015 mit ins Jahr 2016, das du über dich selbst gelernt hast? -Auch hier gilt es wieder erst eine Farbe, dann ein Symbol zu finden. Die Reihenfolge ist wichtig, denn das Nachdenken über die Farbe ist abstrakt und hilft, stärkere Emotionen freizusetzen. -Was macht dich als Person aus? Notiere das Allererste, das dir in den Sinn kommt, werte nicht. -Finde zunächst eine Farbe, dann ein Symbol dafür.

Ich habe ein Blatt Papier genommen und das Symbol für meinen Wunsch für das neue Jahr in die Mitte gezeichnet. Daneben und darunter habe ich die anderen Symbole platziert.

Jahreszeitenkissen2016

Ich werde hier nicht verraten, welche genauen Antworten ich mir selbst gegeben habe. Ihr werdet nur meine Farben, meine Motive sehen können. (Allen Hobby-Psychologen wünsche ich viel Spaß bei der Deutung.)

Mehr Kreativität gibt es beim Creadienstag

33 Comments

  1. Liebe Mila,
    das sind sehr interessante Fragen, und auf einige könnte ich auch sofort eine Antwort geben …ein schöner Post, und ich freue mich auf Deine neuen Handarbeiten!
    Ich wünsche Dir einen schönen und fröhlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

    • Dankeschön, Claudia, und die guten Wünsche gebe ich gerne zurück.

  2. mit der sticknadel zu reflektieren ist sehr interessant und nicht leicht, setzt es wahrscheinlich auch voraus, dass du auf deine fragen eine relativ klar umrissene antwort kennst. das finde ich ziemlich schwierig daran und bin ungeheuer gespannt, was du uns zeigen wirst.
    total gefreut hat’s mich, dass du dich gefreut hast 😉
    lg anja

    • Spannend ist vor allem der Prozess, von der Antwort aus weiter zu gehen. Antworten finde ich immer ganz gut, reflektieren kann ich, aber diese Antworten dann in Farben/ Bilder umzusetzen, das ist wirklich nicht so einfach…

  3. eine sehr schöne arbeit, die dich mit sicherheit in deiner eigenen stofflichen sprache weiterbringen wird! ich arbeite ganz anders. bei mir ergeben sich spontan farben, formen, strukturen. und hinterher stelle ich dann erstaunt fest, wieviel das mit mir zu tun hat. kopf- und herzgespeichertes lebe ich aus- ohne fragen zu stellen – und es findet dann seinen platz auf papier oder in schachteln. das ist schon sehr spannend!
    liebe grüße, ich freu mich auf stoffgedanken von dir!
    mano

    • Oh ja, ich glaube auch, dass das intuitive Auswählen ganz viel über einen selber verraten kann. Ich bin mal gespannt, ob am Ende nicht vielleicht ähnliche Ergebnisse stehen – bei beiden Wegen – oder ob sich die Ergebnisse unterscheiden…

  4. ui, das klingt seeeehr spannend
    mir gefällt dein Ansatz, eine eigene Formensprache zu finden
    und den kreativen Prozess in den Vordergrund zu stellen finde ich auch gut und wichtig

    lieben Gruß
    Uta, die auch immer wieder auf der Suche ist

    • Wahrscheinlich werden wir auf der Suche bleiben. Stillstand ist ja nie so kreativ (und bei deinem “Namen”, liebe Uta, ist das doch schon Programm…).

  5. Ach liebe Mila, jetzt hatte ich einen langen Kommentar geschrieben und dann brach mein PC zusammen. Argh. Ich versuche das nochmal. Ich möchte hier absolut meine Bewunderung ausdrücken für viel mehr Zen in deinem Tun. Das ist ein toller Weg, den du da beschreitest und ich beneide dich um diese gewachsene Gelassenheit. Soweit bin ich noch nicht, ich fühle mich da noch viel umtriebiger und würde mir wünschen, etwas mehr im einfachen Tun noch sein zu können. Aber ich habe mir dieses Jahr auch vorgenommen, mehr von dem zu tun, das mich wirklich begeistert, wo ich spontan Ideen habe oder von Dingen, die ich gut weitergeben kann – in Form kleiner Geschenke und Freuden. Insofern ist das vielleicht ein erster Minischritt in deine Richtung. Wirklich ganz große Bewunderung für dich. Ich bin sehr gespannt, mehr über dein “Im-Tun” zu lesen und hoffe, dass ich mein “Tun” auch mehr zum “Im” wachsen lassen kann (wenn du verstehst, was ich meine). Jedenfalls: großartig!
    Ganz lieben Gruß. Susanne

    • Argh! Das mit dem Kommentar hätte mich ja so wütend gemacht, dass ich nur noch ein paar Zeilen geschrieben hätte, also vielen lieben Dank für deine zweifache Mühe! So viel Zen habe ich noch nicht, leider, im Gegenteil fühle ich mich mit zunehmendem Alter zunehmend gehetzt – wahrscheinlich bin ich deshalb so intensiv auf der Suche danach… Die Nettigkeiten-Idee ist jedenfalls auch eines der Projekte, die sehr viel Zufriedenheit bringen kann. Ich habe mir schon fest vorgenommen, selber einfach so das Jahr über Nettigkeiten zu verschicken… DANKE!

  6. Das finde ich eine total spannende Herangehensweise. Vielleicht sollte ich mich an so etwas in der Art auch einmal heranwagen.
    Ich freue mich schon auf Deine kreativen Antworten!
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Sie werden allerdings nur verklausuliert wieder gegeben. Wobei, wer weiß, was dann hinein interpretiert werden kann…!

  7. Liebe Mila,
    du hattes so ein Projekt ja schon angedeutet. Es klingt sehr spannend. Was sich aus der grauen Form wohl entwickeln wird?
    Machen als Weg ohne “verwendbares” Ergebnis fällt mir etwas schwer. Ich möchte am Ende gerne immer etwas “fertiges” haben. Auch wenn es lange gedauert hat.
    Liebe Grüße
    Jennifer

    • Klar, am Ende möchte ich natürlich auch nicht nur lauter nicht so gelungene Stoffstücke haben. Aber ich habe im letzten Jahr gemerkt, dass auch die “Fehlversuche” mich weiterbringen. Zu viel davon würde ich mir jetzt allerdings auch nicht wünschen.

  8. Liebe Mila, das ist ja ein Weg, der mir Sponti eher fremd ist ( aber ich stemme ja auch nicht solche Riesenprojekte wie die Häkelkrippe ! ). Und momentan möchte ich einfach mehr in den Tag leben und das Vergangene nur reflektieren, weil ich mich aus meist organisatorischen Gründen damit befassen muss. So unterschiedlich kann der Start ins Neue Jahr also sein! Vielleicht liegt es auch an den unterschiedlichen Lebensphasen, in denen wir uns befinden. So viel Freiheit wie momentan habe ich in meinem Leben höchstens als Studentin gehabt.
    Ich wünsche dir viel Freude an deinem Tun!
    Astrid

    • In den Tag hineinleben wie eine Studentin – wenn das nicht ein absolut großartiger Plan fürs neue Jahr ist! Bestimmt haben die jeweiligen Wünsche was mit Lebensphasen zu tun – und es ist ja auch schön, dass sich alles immer im Fluss befindet.

  9. Liebe Mila, da bin ich doch gern dabei… In allem, was ich – mal geplant, mal spontan – Kreativ-Handwerkliches tue, ist mir der Prozess des Tuns, des Entfaltens, immer wichtiger gewesen, als das Ergebnis… Dieses In-Dialog-Treten mit dem Material, mit Assoziationen und Erinnerungen, die da kommen, führt einen Schritt für Schritt auch zu sich selbst… So ein Kreativtag zu zweit, ohne den Anspruch, etwas schaffen und als Ergebnis herzeigen zu “müssen” – da hüpft mein Herz vor Freude. Du hast so Recht – es geht alles viel zu schnell, nicht mal die, die sich von Berufs wegen Zeit zum Nachdenken nehmen müssten, haben sie offenbar… Du hast dich auf einen guten Weg gemacht, glaube ich, und ich bin gespannt weiter bei dir zu lesen darüber. Deine Winterkugel kullert noch immer auf dem Tisch herum und hat echte Flocken hergelockt 😉 Lieben Gruß Ghislana

    • Für mich ist das tatsächlich ein neuer Ansatz. Ich hatte ihn letztes Jahr ja schon begonnen, in dem ich immer wieder irgendwelche Einfälle spontan umgesetzt habe, aber bisher waren Ergebnisse immer im Fokus meines Tuns. Und das Bedürfnis, effektiv zu arbeiten. Veränderte Lebensphasen, wie es Astrid genannt hat, verändern dann offenbar die Bedürfnisse. Und ich merke, ich muss aus diesem Effektiv-Rad endlich mal ein bißchen raus. Wenn es auch beruflich/ familiär nicht immer geht, dann wenigstens in der Kreativität.

  10. Liebe Mila,
    wie sagt man so schön: “Einen Penny für deine Gedanken.” Doch gut, dass die Gedanken frei sind und man sie erraten muss. Auf jeden Fall haben deine Gedanken deinen kreativen Prozess super schön beeinflusst! Und ich freue mich schon auf die kommenden Wochen und Monate, um mit dir auch dieses Jahr wieder (etwas langsamer und intensiver) durch unser kreatives Leben zu reisen. Schön, dass es dich gibt! Ganz, ganz liebe Grüße und bis bald wieder… Michaela

    • Ich genieße das sehr, am kreativen Leben von dir ( und den anderen netten Frauen hier) ein klein wenig teilhaben zu können- denn all das kreative Tun hat ja wieder Auswirkungen auf meins…

  11. Liebe Mila,

    ich wünsche dir alles Gute für deine Vorhaben für dieses Jahr und bin sehr gespannt, wie und was sich alles entwickelt.

    Liebe Grüße! Birgit

    • Danke, Birgit, du hast die Kükendecke erkannt?! Das Schaf ist übrigens nicht vergessen!

      • Ja, liebe Mila, ich habe die Decke sofort erkannt und mich sehr gefreut.
        Danke für deinen Kommentar bei mir. Dem Schaf wäre es jetzt sowieso zu kalt draußen. Alles zu seiner Zeit. Auf die neue Version bin ich schon gespannt, in die alte bin ich total verliebt. Ich warte einfach mal ab.

        Liebe Grüße! Birgit

  12. Langsamkeit, Bedächtigkeit…würde ich mir sehr wünschen…davon ist hier leider weit und breit rein gar nichts zu merken…leider. Ich wünsche dir für deine Vorhaben viel Glück UND Zeit. LG Lotta.

    • Ich kann jetzt auch nicht behaupten, dass es ZU VIEL davon in meiner Umgebung gäbe. Aber irgendwo muss man ja mal anfangen…

  13. Liebe Mila! Dein kreatives Schaffen, den Prozess des Werdens, den du so wunderbar mit Worten beschreiben kannst, fasziniert mich sehr. Ich bin gespannt, wie sich die Fragmente, Motive und deine Farbe in diesem Jahr entwickeln werden und freu mich, hier ein bisschen davon zu erfahren. Und vielleicht auch das ein oder andere deiner Herangehensweise für mich zu entdecken. Ganz liebe Grüße, Ulli

    • Das wäre natürlich ganz wunderbar, wenn ein bißchen was abfärben würde… So wie ich ja auch schon ganz viele Farbtupfer von euch kreativen Bloggerinnen abbekommen habe…

  14. Deinen Transformationsprozess werde ich aufmerksam verfolgen und ich freue mich schon sehr auf die Einblicke, die du uns gewähren wirst. Ich finde es gut, dass du das Machen um des Machen-Willens machst und nicht, um später irgendetwas zeigen zu können. Meine liebe Nachbarin (die mir auch die Schürzen geschenkt hat) hat mir vor kurzem ein Buch geschenkt, das dich sicher genau wie mich begeistern wird: Die “Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten”. Komm also gerne mal wieder vorbei und wirf einen Blick hinein. Liebe Grüße
    Carmen

  15. Pingback: » Eis und Schnee ganz zart…

  16. Liebe Mila,
    erst heute finde ich deinen Blogpost über unseren schönen, luxuriösen “Zen-Tag”! Ja, seitdem war und ist es hier wieder “etwas” trubeliger, um so lieber erinnere ich mich daran zurück. Vielen Dank noch einmal für das nette Bei- und Miteinander und ich melde mich bald noch einmal wegen der Ergebnisse. Aus meinen missglückten Färbeversuchen habe ich zumindest direkt eine Anregung für ein bisher unausgegorenes Rockprojekt mitgenommen. Fehlversuche führen manchmal wirklich weiter, erfreulicherweise in nicht vorhersehbarer Weise.
    Auf deine Stickarbeit freue ich mich schon.

    Bis bald, Bele

    • Das finde ich auch, dass Fehlversuche weiter führen. Aber diese Sicht habe ich ehrlich gesagt erst im letzten Jahr gewonnen…

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